Die Ohren lang gezogen
Nein, entgegen dem Titel in diesem Fall keine Spur von angstmachender Schwarzpädagogik. Diese Geschichte geht — versprochen! — gut aus.
Vor gut zwei Jahren, an einem sonnigen (wie sonst?) Sonntag Ende Februar 2024 fiel mir ein alter Holunderast in die Hände. Ein Ast mit Ohren.
Judasohr ist sein deutscher Name, der ganz schön aneckt, deswegen wird er inzwischen auch Holunderpilz genannt — sein naher Verwandter, Mu-Err, wird in Asien gezüchtet und ist ein fester Bestandteil von Wokgerichten und Suppen.
Auricularia auricula-judae wächst bei uns vor allem auf Holunder, liebt kühle Witterung, kann sogar strengeren Frost schadlos überstehen und ist mehr als nur ein Speisepilz. Er wird geschätzt als Vitalpilz, laut Traditioneller Chinesischer Medizin soll er entzündungshemmend und blutverdünnend wirken.
Den Ast mit den Ohren habe ich mitgenommen und bei uns im Garten im Schatten neben unserer Regentonne abgelegt. Nach dem Umzug zogen sich die Ohren rasch zurück, und im Jahr darauf, also letztes Jahr, kam nur ein einziges Ohr. Das Ohr wurde ziemlich riesig und brauchte fast ein dreiviertel Jahr, bis es gut 15 cm lang wurde, aber im Sommer verschwand es, danach kam nichts mehr. Ich dachte, das war es.
Aber sieh mal: Im Februar zeigten sich wieder ganz viele pfefferkorngroße, fleischfarbene Babbelchen am Ast, und nun ist das alte modernde Holunderholz übersät mit lustigen Öhrchen! Die älteren sind schon groß wie ein Hühnerei.
Noch haben wir sie nicht geerntet. Mal sehen, vielleicht lassen wir sie einfach weiter dem Regenplätschern lauschen. Eines Tages verraten sie uns bestimmt, was sie da gehört haben.
Olya 15. März 2026