H₂O: Die Formel des Lebens
Es knistert im Unterholz und diesmal ist es kein Feuer. Sö hört es sich vermutlich an, wenn nach monatelanger Dürre — Regen sei dank! — das Myzel sich mit Wasser füllt und den Kreislauf des Lebens zum Fließen bringt. Dass man Pilze wachsen hören kann, wurde tatsächlich bei wissenschaftlichen Experimenten bestätigt. Also bin ich in den letzten Tagen in den Hochschwarzwald rausgefahren, um den Pilzen beim Wachsen zu lauschen. Nein, natürlich sind meine Ohren nicht fein genug, um die zarten bioelektrischen Impulse einzufangen, ich konnte es mir nur — bildhaft oder klangvoll — vorstellen, wie ich sie tatsächlich vor mir hatte: Pilze im Kommen! Noch nicht in Massen, aber der Anfang war gemacht. Manche Pilze haben trotzdem einen Sonnenbrand abbekommen, einige sind aber wie im Bilderbuch: frisch und knackig. Ich habe nicht alle umgedreht, um die Hutunterseite zu zeigen. Ich habe alle — bis auf den Steinpilz — im Wald gelassen, einfach aus purer Pilzliebe.
Der Klebrige Hörnling (Calocera viscosa), auch Ziegenbart genannt, ist immer ein Blickfang, auch wenn er im Speisekorb nichts zu suchen hat: zu zeh und unverdaulich. Trotzdem freue ich mich immer über die leuchtenden Bärtchen im feuchten Moos.
Der Falsche Pfifferling (Hygrophoropsis aurantiaca) ist im Gegensatz zum echten dünnfleischiger und biegsamer und hat deutliche Orange-Note in den Lamellen, während der echte Pfifferling keine Lamellen (Blätter) hat, sondern Leisten.
Amethistschuppiger Pfifferling (Cantharellus amethysteus) auf diesem Bild ist so nass, dass seine amethystfarbene Schüppchen hier lediglich orange aussehen. Wird sich ändern, sobald er trocknet.
Waldfreund-Rübling (Gymnopus dryophilus): »Er wächst, wenn sonst nichts wächst«, sagt man im Volksmund. Das erklärt, warum man ihn so häufig findet, immer gesellig und büschelig. Hüte essbar im Mischgericht, Stiele eher zäh.
Speise-Täubling (Russula vesca) zeigt sein wahres Gesicht: die Lamellenansätze am Hutrand sehen wie Zähne aus, weil die Huthaut zu kurz ist. Ein hervorragender Speisepilz!
Was von oben wie ein Steinpilz aussieht, entpuppt sich von unten als Blätterpilz: Der Wiesel-Täubling (Russula mustelina) auch Elefanten-Täubling (Russula elephantina) oder Mader-Täubling genannt, ist ein großer, kompakter Vertreter seiner sprödblättrigen Großfamilie Russula. Seine Stärken: er ist ein hervorragender Speisepilz und nahezu immer madenfrei! Übrigens teilt er gerne mit den Steinpilzen sein Quartier und bringt Steinpilzjäger zur Verzweifelung, wenn sie den Wiesel-Täubling nicht kennen. Tja, liebe Steini-Verzehrer, wüßtet ihr, wie großartig dieser Täubling schmeckt, würdet ihr bei seinem Anblick nicht das Gesicht verziehen!
Noch ein Detail: Die Fruchtkörper des Wiesen-Täublings formen sich bereits unter der Erde und so trägt er immer einen Haufen Substrat auf dem Scheitel. Kein Problem: Wenn es trocken ist, abbürsten und wenn' s feucht — abwischen, fertig!
Der Anzeigerpilz für Steinpilze ist der Mehl-Räsling. Hier habe ich ihn nur sehr flüchtig fotografiert. Wer im sauren Fichtenwald weiß-gräuliche Pilze mit schmutzig-rosa farbenen, herablaufenden Lamellen sieht, dürfte sich nach den Steinpilzen umschauen. Oft stehen sie daneben und warten! Der Pilz riecht stark nach Mehl + Gurke zusammen.
Dieser »Steini« hatte schon einen Sonnenbrand (Röhren mit Brandspuren), ein gewaltiges Loch am Hut, aber wuchs immer noch. Er war noch ziemlich fest, der Klopftest auf den Hut ergab einen hölzernen Klang. Erstaunlich, wo die Poren sich schon gelb färbten.
Nur feste Röhrlinge kommen in mein Körbchen, da sie generell weichere Konsistenz haben, beim Erhitzen Wasser abgeben und schleimig werden. Scharf angebraten in der Pfanne — nicht zu viele auf einmal! — runden sie mit ihrem Umami-Aroma jedes erdenkliche Gericht ab.
Farfalle auf geschmorten Tomaten aus eigenem Garten mit Zucchinihappen aus dem Ofen, gerösteten Steinpilzen mit Knoblauch, frischem Basilikum (auch aus dem Eigenanbau) und lockeren Parmesanspänchen. Buon appetito!
Harmonie am Gaumen und Hoffnung im Wald: Die Pilzsaison beginnt wieder zu knistern!
— Olya